Die fünf Affen

Fünf Affen lebten in einem abgegrenzten Gebiet unter Beobachtung von Wissenschaftlern. Die Wissenschaftler starteten ein Experiment: auf ein Holzgerüst wurden oben Bananen platziert. Jedes Mal, wenn einer der Affen versuchte, das Gerüst zu erklimmen, lösten die Wissenschaftler einen kalten Regenguss im gesamten Gebiet aus – was von den Affen nicht besonders goutiert wurde. Nach einiger Zeit versuchte keiner der Affen mehr, auf das Gerüst zu steigen, und wenn einer versehentlich zu nahekam, zogen ihn die anderen von dort fort. Niemand wollte schließlich nass und kalt werden.

Dann, eines Tages, tauschten die Wissenschaftler einen der Affen gegen einen neuen aus. Der Neue wusste natürlich nichts von dem Gerüst-Regenguss-Zusammenhang und näherte sich fröhlich dem Gerüst. Als die anderen Affen das sahen, zogen sie ihn mit vereinten Kräften und gewaltsam davon weg, und verfuhren so jedes Mal, wenn er einen neuen Versuch in Richtung Gerüst unternahm.
Der neue Affe erfuhr nie, warum er sich dem Gerüst nicht nähern durfte, weil die anderen gar nicht zuließen, dass er so weit kam, um auszuprobieren, was geschähe, wenn er hochkletterte. Tatsächlich wäre gar nichts geschehen, die Wissenschaftler hatten die Sprinkleranlage nämlich ausgeschaltet.

Nach einer Weile wurde ein zweiter Affe aus der alten Riege gegen einen neuen ausgetauscht. Jedes Mal, wenn der nun versuchte, sich dem Gerüst zu nähern (Bananen befanden sich ja immer noch oben) wurde er von den anderen Affen davon abgehalten. Besonders brutal beim Wegzerren war – welcher Affe? Erraten, derjenige, der selbst nie erlebt hatte, dass man nass wurde, wenn man hochkletterte. Er kannte nur die Regel, nicht mehr den Grund.

Auch der zweite Affe lernte: das Gerüst war verboten. Nach und nach wurden auf diese Weise alle Affen ausgetauscht, so dass am Ende kein Affe mehr den Grund für die Regel kannte, die das Erklettern des Gerüstes verbot.

Aber: bei uns klettert niemand auf dieses Gerüst. Sowas tun wir nicht. Wenn doch mal jemand, heimlich, des Nachts, es tut und sich Bananen holt, hat er doch ein schlechtes Gewissen und fühlt Unbehagen, trotzdem ja offenkundig nichts Schlechtes, ja im Gegenteil, sogar etwas Angenehmes die Folge ist.

erzählt von Robert Dilts

Anmerkung:
Ob dieses Experiment wirklich so durchgeführt wurde ist umstritten. Zumindest gibt es keine gesicherte Quellenangabe dazu. Vielmehr wird es gerne als Geschichte im Verhaltenstraining und bei Motivations-vorträgen erzählt. Es geht darum zu verdeutlichen, wie oft man selbst nur gelernte oder überlieferte Regeln oder Gesetzmäßigkeiten einhält, ohne eigene Erfahrungen sammeln zu können und sich damit bisweilen in seinen Möglichkeiten und Chancen limitiert. Man kennt ein „das ist so“, hat aber das „Warum“ dahinter nie erlebt. Viele soziale, gesellschaftliche, organisatorische Regeln, Rituale, Anweisungen basieren auf solchen Überlieferungen und lassen Denken in andere Richtungen nur schwer aufkommen. Doch genau dort könnte ein Schlüssel zur Weiterentwicklung verborgen liegen.