Der 100 Mark Schein

Es ist schon einige Jahrzehnte her. Auch damals schien das Leben immer schneller zu laufen. Die Um-gangsformen schienen sich mehr und mehr aufzulösen und auch die Werte schienen nicht mehr den Stellenwert zu besitzen, wie bei den Generationen zuvor. Die Jugend war wissbegierig, moderne Wissen-schaften und Fakten standen höher im Kurs als Philosophie und Glauben.

Vor der Universität beobachtete ein Professor, wie einige seiner Studenten auf dem Weg zur Vorlesung sich über ein paar ältere Arbeiter ob deren Kleidung und ungepflegtem Aussehen lustig machten.

Da begann der Professor seine Vorlesung, indem er einen fast neuen 100-Mark-Schein gut sichtbar in die Höhe hielt. Er wartete, bis er sich der Aufmerksamkeit eines jeden gewiss sein konnten. Dann fragte er in die Runde der jungen Studenten: „Wer möchte diesen Geldschein haben?“

Keiner, der nicht die Hand hob. Hundert Mark waren eine stolze Summe, mit der man schon einiges anfangen konnte, zumal als Student.

Nun nahm der Professor den 100-Mark-Schein und drückte ihn zusammen, bis er ganz zerknittert war.

Abermals stellte er die Frage in die Runde: „Wer will das Geld jetzt haben?“ Und wieder waren alle Hände oben.

Geld, Wert

Dann riss er den Geldschein an einigen Stellen ein und stach kleine Löcher in ihn, sodass der Schein ziemlich zerfleddert aussah.

Und er wiederholte die Frage: „Wer will das Geld jetzt haben?“ Es folgte die gleiche Reaktion, alle Hände gingen wieder nach oben.

Dann warf er den Geldschein zu Boden, stampfte ein paar Mal fest darauf, bis der Schein ganz schmutzig war.

„Möchte ihn jetzt noch jemand haben?“ fragte er erneut seine Studenten.

Auch so wiederholte sich die Reaktion. Egal wie der Geldschein nun aussah, alle wollten ihn haben.

Zur Verwunderung der Studenten, steckte der Professor den schmutzigen Schein zurück in seine Brieftasche, dann schaute er in die Runde, um nach einer kurzen Pause wieder das Wort zu ergreifen: „Ich behalte ihn und wisst ihr warum?“

Die Studenten blickten sich fragend an, so fuhr er ohne eine Antwort abzuwarten fort:

„So wie der Geldschein seinen Wert nicht verliert, so behält auch jeder Mensch seinen Wert, egal welcher Abstammung er ist, was ihm widerfahren und welches Schicksal er erlitten hat. Es ist egal, wie zerknittert und „schmutzig“ er ist.“